Long COVID

RECOVER-VITAL: Was die große Long-COVID-Studie mit Paxlovid zeigt

Wenn du mit Long COVID lebst, können neue Studien Hoffnung und viele Fragen auslösen. RECOVER-VITAL hat eine längere antivirale Behandlung untersucht. Ein Nutzen für die untersuchten Beschwerden ließ sich dabei nicht nachweisen. Hier erfährst du, was dieses Ergebnis bedeutet – und welche Fragen offenbleiben.

Redaktion CFS-Magazin · Veröffentlicht · 5 Min. Lesezeit

Redaktionelle Einordnung einer klinischen Studie. Originalarbeit: 31. August 2026; NIH-Zusammenfassung: 29. September 2026. Unser eigener Beitrag erscheint am 23. Oktober 2026. Die Bildaufnahme stammt aus dem Jahr 2022.

Historisches Originalfoto einer Paxlovid-Packung mit Tablettenblister aus dem Jahr 2022.
Foto: Kches16414, 4. März 2022, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0. Für das Magazin verkleinert und in WebP umgewandelt. Historische US-Verpackung; aufgedruckte Angaben sind keine aktuelle Anwendungsempfehlung. Zum Original und seinen Nutzungsbedingungen · Lizenz: CC BY-SA 4.0

Welche Frage wurde untersucht?

RECOVER-VITAL untersuchte, ob eine längere Behandlung mit Nirmatrelvir und Ritonavir bestimmte anhaltende Long-COVID-Beschwerden verbessert. Die Wirkstoffkombination ist unter dem Namen Paxlovid bekannt. Die Behandlung einer akuten COVID-19-Erkrankung und die Behandlung bereits länger bestehender Beschwerden sind dabei unterschiedliche Fragen.

Hinter dem Versuch steht unter anderem die Hypothese, dass verbliebenes Virus oder Virusmaterial bei manchen Menschen zur Erkrankung beitragen könnte. Eine solche biologische Erklärung muss in Studien geprüft werden. Aus ihr allein folgt noch keine wirksame Behandlung.

Wer hat teilgenommen?

Die Studie fand an 69 Standorten in den USA statt. Teilnehmen konnten Erwachsene ab 18 Jahren mit Beschwerden, die seit mindestens zwölf Wochen bestanden. Untersucht wurden Menschen mit kognitiven Beschwerden, autonomen Beschwerden oder Belastungsintoleranz. Diese Gruppen konnten sich überschneiden.

964 Menschen wurden zufällig einer von drei Gruppen zugeteilt. Die hauptsächliche Wirksamkeitsauswertung umfasste 959 Personen. Für die Sicherheitsauswertung waren es 963. Diese Zahlen beschreiben unterschiedliche Auswertungen derselben Studie und sollten nicht miteinander verwechselt werden.

Es handelte sich um eine randomisierte, doppelt verblindete, kontrollierte Phase-2-Studie. Das bedeutet: Die Zuteilung erfolgte nach dem Zufallsprinzip, und weder Teilnehmende noch die unmittelbar behandelnden Studienteams wussten, welcher Gruppe eine Person zugeteilt war. So lassen sich Erwartungen und andere Einflüsse besser begrenzen.

Was wurde miteinander verglichen?

Eine Gruppe erhielt die Kombination aus Nirmatrelvir und Ritonavir für 15 Tage und anschließend für zehn Tage Ritonavir mit Placebo. Eine zweite Gruppe erhielt die Kombination für 25 Tage. Die Kontrollgruppe erhielt 25 Tage lang Ritonavir mit Placebo.

Die Kontrollbehandlung enthielt damit ebenfalls den Wirkstoff Ritonavir. Sie war keine vollständig wirkstofffreie Behandlung. Wenn verkürzt von einem Placebovergleich die Rede ist, geht diese wichtige Einzelheit leicht verloren.

Diese Beschreibung erklärt den Aufbau des Versuchs. Sie ist keine Anleitung zur Einnahme. Paxlovid ist verschreibungspflichtig und kann erhebliche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten haben.

Was kam nach 90 Tagen heraus?

Die Forschenden prüften nach 90 Tagen, wie viele Menschen eine vorab festgelegte, klinisch relevante Verbesserung ihrer Beschwerden erreichten. Dazu wurden je nach Beschwerdegruppe standardisierte Fragebögen zur geistigen Leistungsfähigkeit, zu autonomen Beschwerden beziehungsweise zur Verschlechterung nach Belastung ausgewertet.

Für keine der untersuchten Beschwerdegruppen und keine der beiden Behandlungsdauern zeigte sich ein statistisch gesicherter Vorteil gegenüber der Kontrollbehandlung. Auch die zusätzlich untersuchten Funktionstests ergaben keinen Vorteil.

Das bedeutet nicht, dass sich bei keiner einzelnen Person etwas verändert hat. Die entscheidende Frage lautet, ob die Behandlung im Vergleich zur Kontrollgruppe einen nachvollziehbaren zusätzlichen Nutzen zeigt. Diesen Nachweis lieferte die Studie für die untersuchten Ziele nicht.

Was wissen wir über Nebenwirkungen?

Übelkeit und Durchfall gehörten zu den häufigen unerwünschten Ereignissen. In der Sicherheitsauswertung wurden 52 schwerwiegende Ereignisse bei insgesamt 42 von 963 Menschen erfasst. Es gab keine Todesfälle.

Drei schwerwiegende Ereignisse wurden von den Prüfärztinnen und Prüfärzten als behandlungsbezogen eingestuft: jeweils eines in jeder Gruppe. Die übrigen Ereignisse dürfen deshalb nicht pauschal dem Medikament zugeschrieben werden.

Die Forschenden fanden keine neuen Sicherheitssignale. Das bedeutet jedoch nicht, dass eine Behandlung nebenwirkungsfrei wäre oder ohne ärztliche Prüfung zu einer individuellen Situation passt.

Welche Fragen bleiben offen?

Die Ergebnisse gelten zunächst für die untersuchte erwachsene Long-COVID-Gruppe, die eingesetzten Behandlungen und die festgelegten Messzeitpunkte. Kinder wurden nicht untersucht. Die Teilnehmenden waren im Median 49 Jahre alt; rund 67 Prozent waren Frauen und rund 78 Prozent wurden in der Studie als weiß erfasst. Auch die Zusammensetzung der Gruppe begrenzt die Übertragbarkeit.

Bei der Aufnahme war kein Nachweis von im Körper verbliebenem Virus erforderlich. Die Studie kann deshalb nicht abschließend klären, ob eine anhand bestimmter biologischer Merkmale ausgewählte Gruppe anders reagieren würde. Die Publikation verweist auf weitere Biomarkeranalysen. Ein Vorteil für eine solche Untergruppe ist damit noch nicht belegt.

Ebenso wenig lässt sich aus diesem Ergebnis ableiten, dass jede antivirale Strategie unwirksam wäre. Umgekehrt ist eine andere Behandlungsdauer keine belegte Lösung. Dafür wären eigene belastbare Untersuchungen nötig.

Die Studie untersuchte Long COVID. Auch wenn Belastungsintoleranz und andere Beschwerden mit ME/CFS überlappen können, ist sie keine allgemeine Behandlungsstudie für alle Menschen mit ME/CFS.

Was du für ein Gespräch mitnehmen kannst

Du musst die ganze Veröffentlichung nicht durcharbeiten, um eine berechtigte Frage zu stellen. Vielleicht reicht dir zunächst: Passt die untersuchte Gruppe überhaupt zu meiner Situation? Welche konkrete Verbesserung wäre für mich wichtig? Welche Risiken oder Wechselwirkungen müssten berücksichtigt werden?

Wenn dir ein längerer antiviraler Behandlungsversuch angeboten wird, kannst du nach der Studiengrundlage, dem erwarteten Nutzen, den Kosten und der Begleitung fragen. Die Zulassung von Paxlovid für bestimmte Menschen mit akuter COVID-19-Erkrankung belegt keinen Nutzen bei bereits bestehendem Long COVID.

Ein enttäuschendes Studienergebnis ändert nichts daran, dass deine Beschwerden ernst genommen werden müssen. Medizinische Abklärung, passende Unterstützung und der Schutz vor Überlastung bleiben konkrete Anliegen, die du ansprechen darfst.

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